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Montag, 14. Oktober 2013

Liebe deinen Nächsten...



Unglaublich. Unglaublich! So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt und hoffe, dass ich es auch nie wieder erlebe. Es geht um meine Georgienreise von letzter Woche. Genau genommen um die Rückreise am Samstag, denn die Reise selbst war sehr schön. Die Gruppe war nett und das Wetter phantastisch; was kann man sich als Reiseleiterin mehr wünschen. Dann aber der letzte Tag... Geplant war, dass wir mit Ukraine International Airlines um 06:35 Uhr Georgischer Zeit (MESZ+2) in Tbilisi losfliegen und dann um 08:05 Uhr Ukrainischer Zeit (OESZ) in Kiew landen. Wir waren zu zwölft und hatten Anschlussflüge mit UIA nach Berlin (10:30 Uhr), Brüssel (10:15 Uhr), Frankfurt (11:10 Uhr) und München (irgendwann).

Am Flughafen in Tbilisi verlief alles reibungslos. Ziemlich müde, da wir um 03.45 Georgischer Zeit aufstehen mussten, taperten wir über den Flughafen. Wir checkten ein, passierten die Passkontrolle und den Security-Check. Da war es allerdings sehr voll und die Kontrollen waren sehr genau – im Schnitt jeder Zweite musste die Schuhe ausziehen, oft schon vor dem ersten Passieren des Metalldetektors. Ein junger, russischsprachiger Mann sorgte für etwas Wirbel, da er sich partout nicht von den drei Bierflaschen, zwei Plastikflaschen voll Wein und der Schnapsflasche in seinem Handgepäck trennen wollte. Doch dann war es geschafft. Die Maschine startete beinahe pünktlich. Ein Ukraine International Airlines Flug wie jeder andere. Nach  Kiew fliegen, dort ein paar Stunden im Transfer rumsitzen und sich langweilen, dann weiterfliegen. So war der Plan. 

In der Realität lag Kiew jedoch tief in Nebelschwaden versunken. So tief, dass wir nicht landen konnten. Unser Flug wurde zunächst nach Odessa geschickt. Anscheinend war nicht genug Treibstoff im Tank, um weiter zu kreisen. In Odessa landeten wir (nicht gerade sanft), das Flugzeug blieb auf dem Rollfeld stehen und wir warteten. Sobald sich der Nebel verzogen hatte, sollten wir zurück nach Kiew fliegen Aussteigen durfte niemand. Niemand vom Personal konnte (oder wollte) uns sagen, wie die Lage in Kiew sei und ob überhaupt eine Chance bestand, unsere Anschlussflüge noch zu erwischen.

Dann bekamen wir Anweisung, uns auf unsere Plätze zu setzen und die Gurte geöffnet zu lassen. Das Flugzeug wurde betankt, mit allen Passagieren an Bord. Meines Wissens nach müssen Passagiere während des Tankens eigentlich aus Sicherheitsgründen das Flugzeug verlassen. Nicht so bei UIA. Und wieder bestach das Personal durch beeindruckende Unfreundlichkeit. Eine Dame, die sich dem Steward mit den Worten „I need to get my connection flight“ näherte, wurde barsch mit den Worten „Not now. Now you need to sit.“ abgewiesen.

Irgendwann kam die Durchsage, dass wir nun nur noch auf das fehlende Personal, die richtigen Dokumente und die Starterlaubnis aus Odessa sowie die Bestätigung der verbesserten Wetterlage aus Kiew warten müssten und dann in vielleicht schon 15 Minuten weiterfliegen könnten. Da fuhr eine junge Dame von ihrem Sitz hoch, riss ihren Rollkoffer aus dem Handgepäck und stürmte nach vorne. Wir saßen noch 45 Minuten im Flugzeug herum, bevor wir abhoben. Später erfuhr ich, dass die junge Frau ohnehin von Kiew nach Odessa wollte und nun darauf bestand, auszusteigen. Das UIA-Personal wollte ihr das – verständlicherweise – nicht gestatten. Die junge Dame ließ aber nicht locker und diskutierte und bestand darauf, auszusteigen, so lange, bis extra für sein ein Einreiseverfahren eingeleitet wurde. Es kamen also wohl Einreisebeamte zur Passkontrolle, Papiere wurden ausgefüllt, eine Gangway wurde nur für diese Frau aufs Rollfeld gebracht, sie stieg aus, die Gangway wurde wieder weggebracht. Das Ganze dauerte etwa eine halbe Stunde.

Endlich hoben wir um etwa 11.30 Uhr ab und flogen nach Kiew, wo wir um etwa 12.15 Uhr ankamen. In der ganzen Zeit hatte das Personal von UIA noch einmal Wasser an die Reisegäste verteilt, mehr Entgegenkommen gab es nicht. Mehr Wasser gab es nur auf Nachfrage. So lief letztendlich ich mit einer Flasche Wasser und einigen Pappbechern zwischen den EOL-Reisenden umher und verteilte Wasser. Als wir wieder starteten, gab es keinerlei Erklärungen über die Lage in Kiew, über noch erreichbare oder verpasste Anschlussflüge und darüber, an wen man sich am Kiewer Flughafen wenden solle. Statt dessen wurde uns noch einmal erklärt, wie man eine Rettungsweste anlegt. Beim Aussteigen wurden wir dann mit einem „We hope you had a pleasant journey“ verabschiedet.
In Kiew wandte sich unsere 12köpfige Reisegruppe zunächst an den Transfer Information Desk, wo schon viele andere Fluggäste anstanden. Auf der Anzeigetafel sahen wir, dass bis auf den Flug nach Brüssel keiner unserer Flüge mehr angezeigt wurde. Der Brüssel-Flug hatte allerdings bereits mit dem Boarding begonnen. Die Brüssel-Reisende rannte los. Da wir nichts mehr von ihr gehört haben, gehe ich davon aus, dass sie es geschafft hat. (Ich bezweifle allerdings, dass ihr Gepäck mit ihr geflogen ist.) Wir anderen wurden angewiesen, durch die Passkontrolle zu gehen und uns im dritten Stock an den Schalter von UIA zu wenden. Diesen zu finden war nicht schwer: Vor dem Schalter drängten sich etwa 200 Menschen, die das selbe Anliegen hatten wie wir: Neue Flugtickets.

Da es keinen Sinn machte, sich mit 11 Personen anzustellen, wartete die Gruppe mit den Rucksäcken weiter hinten und ich stellte mich an. Allerdings kann man eigentlich nicht von anstellen sprechen, da es keine Schlangen gab. Die 200 Menschen drängten und schubsten und schoben sich in totalem Chaos vor den Fenstern des Schalters, hinter dem drei Frauen saßen und verzweifelt versuchten, dem Ansturm Herr zu werden. Es waren Passagiere aus unserer Maschine und aus mindestens zwei anderen, ebenfalls verspäteten Maschine (eine muss aus Simferopol gekommen sein.) Weder diese Frauen noch irgend jemand anderes vom UIA- oder Flughafenpersonal sah sich genötigt, etwas Ordnung in dieses Gedränge zu bringen. Obwohl wir mit 3,5 Stunden Verspätung am Flughafen ankamen, war scheinbar niemand auf diesen Ansturm gefasst oder gar vorbereitet gewesen. Die Lage war nicht nur chaotisch, sondern durchaus gefährlich. Die Menschen schubsten sich hin und her und das Aggressionspotential war riesig, immer weiter steigend. Mehrmals war ich sicher, dass gleich eine Prügelei ausbrechen würde. Jeder versuchte, so schnell wie möglich so weit nach vorne wie möglich zu kommen.

Plötzlich brach dicht vor mir ein Mann zusammen und lag zuckend und Blut spuckend auf dem Boden. Ich war wie hypnotisiert. Ohne wirklich zu denken drehte ich mich um und ging mit meiner Gruppe. Ich zupfte einen meiner Reisegäste, der Arzt ist, am Ärmel und sagte monoton: „Komm mal mit. Da vorne ist gerade jemand zusammengebrochen...“ Erst, als wir wieder bei dem Mann ankamen und der Arzt versuchte, den Mann wieder zum Atmen zu bringen, realisierte ich wirklich, was da gerade passierte. Eine junge Frau aus meiner Gruppe und ich versuchten, die Menschenmenge ein wenig von den am Boden liegenden Mann fernzuhalten. Drei Männer versuchten, dem Mann zu helfen. Es schien sich um einen epileptischen Anfall zu handeln.

Einige Menschen standen da und gafften, doch die meisten versuchten weiter, vorne zum Schalter zu kommen. Dabei kletterten sie auch über den am Boden liegenden Mann. Es dauerte 15-20 Minuten, bis endlich ein Sanitäter kam, und dann noch einmal 15-20 Minuten, bis endlich ein Rollstuhl gebracht wurde, um ihn wegzubringen. Bis dahin blieb der Mann mit dem Gesicht zum Boden mitten in der Menge liegen. Noch immer griffen weder UIA-Personal noch die Security ein, um die Menge zu beruhigen und zu ordnen. Es war unbeschreiblich, als ob es um Leben und Tod ginge. Wäre ich allein an diesem Flughafen gewesen, niemals hätte ich mich dem ausgesetzt. Ich hätte mich an den Rand gesetzt und gewartet, bis sich die Lage beruhigt, und dann hätte ich den nächsten Flug nach Hause genommen. Egal, ob Samstag, Sonntag, oder wann auch immer. Aber ich war nicht allein, und ich musste mich um zehn Reisegäste kümmern. Also stand ich inmitten dieser Horde durchdrehender Menschen.

Immer wieder überkam mich Sorge, dass es irgendwann zu einer Massenhysterie kommen und jemand niedergetrampelt werden würde. Selbst Menschen, die endlich ihr Ticket hatten, konnten kaum aus der Menge heraus. Niemand wollte Platz machen, da man dadurch ja seinen Platz verlieren würde, so sehr wurde gedrängelt.  Als ich endlich mit den Pässen aller Mitglieder meiner Gruppe am Schalter ankam, wurde ich unter lauten Protesten einiger Umstehender, die mir vorwarfen, ich hätte gedrängelt, angegangen. Plötzlich griff mich jemand am Hosenbund und fing an, mich nach hinten zu ziehen. Unfassbar! Man konnte garnicht drängeln, es war unmöglich, die eigene Richtung zu bestimmen. Wurde von rechts geschoben, musste man eben nach links ausweichen. Es gab keine Schlange, in der man sich hätte vordrängeln können. Irgendwann gelang es mir doch, meine Pässe nach und nach der UIA-Angestellten zu reichen und neue Tickets zu verlangen. Es gab keinen Flug mehr nach Berlin, also verlangten wir Tickets nach München. Der Flug sollte um 17.15 (OESZ) gehen und um 18.45 (MESZ) landen.

Um den Anschluss von München nach Frankfurt bzw. Berlin wollten wir uns in München kümmern. Der Andrang dort war zu groß und die UIA-Mitarbeiterinnen waren deutlich überfordert. Hätte ich noch angefangen, unterschiedliche Anschlussflüge für unterschiedliche Personen zu fordern – ich bin sicher, die Menschen hätten mich mit irgendwo herbeigeschafften Knüppeln niedergeschlagen. Diese Tickets zu bekommen war schon schwierig genug. Auch unsere alten Boardkarten bekamen wir nur auf nachdrücklichen Wunsch wieder ausgehändigt. Irgendeine Art Bescheinigung der UIA über die Verspätung und unsere Ansprüche bekamen wir nicht, und es war auch unmöglich, danach zu verlangen. Die Frauen am Schalter standen bereits kurz vor dem Nervenzusammenbruch (in etwa so wie ich) und die Massen wurden nicht ruhiger.

Es war ungefähr 15.15 Uhr, als ich mir einen Weg aus der Menge heraus erkämpfte. Wir waren zu Schalter 1 geschickt worden, um nach unserem Gepäck zu fragen. An Schalter 1 schickte man uns zu Schalter 10. An Schalter 10 schickte man uns zum Sperrgepäck, wo unsere Koffer „irgendwann“ ankommen sollten. Dort stand ein Mann, der offensichtlich keine Ahnung von nichts hatte, sowie weitere Angestellte, die allerdings für Gepäckannahme und nicht für Gepäckausgabe zuständig waren und somit gar nicht auf die Idee kamen, sich einzumischen. Das einzige, was der junge Mann uns sagen konnte, war, dass die Koffer irgendwann kommen würden. Vielleicht in 10 Minuten, vielleicht auch in 30 oder in einer Stunde. Nach und nach wurden irgendwelche Koffer aus mehreren verschiedenen Flugzeugen gebracht und auf einen großen Haufen geschmissen. Wir hatten es allerdings sehr eilig, da wir ja auch noch bei der Lufthansa für unseren Flug nach München einchecken mussten. Und ohne unsere Koffer nach München zu fliegen war nicht möglich, da wir ja nicht in München bleiben würden. Und von Berlin wieder nach München zu fahren, um meinen Koffer abzuholen, ist wirklich zu viel verlangt. Außerdem konnte uns niemand garantieren, dass unsere Koffer auch wirklich nachgeschickt würden.

Immer wieder baten wir das Personal auf Englisch und Russisch, doch bitte die Namen der Kofferbesitzer oder die Nummer der Gepäck-ID-Zettel vorzulesen. Dieser Vorschlag wurde rigoros ignoriert. Stattdessen brüllten sie die sich drängelnden Passagiere an, gefälligst Abstand zu halten. Selbst, als einige meiner Reisegäste ihnen erklärten, sie könnten ihren Koffer hinter der Absperrung bereits sehen, hörten sie nicht zu und brüllten nur weiter ihre Aufforderungen. Auch hier drohte die Situation immer weiter zu eskalieren.

Ich selbst lief die ganze Zeit zwischen UIA- und Lufthansa-Schalter hin und her. Bei der Lufthansa fragte ich nach, ob wir Gepäck auch nach dem Einchecken noch aufgeben könnten und bis wann der Check-In liefe, bei der UIA versuchte ich, jemanden zu finden, mit dem ich in Ruhe sprechen könnte. Ich fand heraus, dass wir nur noch knapp eine halbe Stunde zum einchecken hatten und schickte meine Reisegruppe nach und nach zum Schalter, damit einige nach den Koffern suchen konnten, während alle nach und nach eincheckten. Bei der UIA fand ich eine junge Dame, die mir zuhörte, dann ihren Check-in-Schalter tatsächlich schloss und mich zum Gepäck begleitete, mir aber auch nicht helfen konnte. Unsere Koffer tröpfelten langsam ein. Nach und nach fanden Mitglieder meiner Gruppe ihre Koffer und kämpften mit dem Personal um die Freigabe.

Schließlich fehlten noch 5 Koffer (von 11) und wir hatten nur noch 5 Minuten zum Einchecken. Die Menschen wurden immer aufgeregter und lauter, Passagiere und Flughafenpersonal brüllten sich an, Menschen brachen in Tränen aus. Ich entdeckte eine Frau hinter der Absperrung und erklärte ihr unsere Situation. Dann drückte ich ihr unsere Gepäck-ID-Zettel in die Hand und sie lief tatsächlich nach hinten, um unsere Koffer zu  suchen. Endlich begannen auch die Angestellten, die Namen auf den Gepäck-ID-Zetteln vorzulesen, wenn sie einen neuen Koffer brachten. Gerade noch rechtzeitig bekamen wir die letzten Koffer. Beim Einchecken von gab es jedoch ein neues Problem: In meiner Gruppe gab es Mutter und Tochter, und die Frau am Ticketschalter hatte es irgendwie fertig gebracht, beide neuen Tickets auf den Namen der Mutter auszustellen. Die Lufthansa-Mitarbeiterin konnte das im System nicht ändern.

Nach mehreren Anrufen bei UIA und verzweifelten Versuchen sah es zunächst so aus, als könnte die Tochter ohne ein neues Ticket nicht mitfliegen. Dafür hätte sie sich noch einmal in diesem Tor zur Hölle anstellen müssen. Im letzten Moment gelang es der Lufthansa-Angestellten dann doch noch, das Ticket zu ändern. Wir passierten die Pass- und Sicherheitskontrolle und kamen genau rechtzeitig zum Boarding am Gate an. Pünktlich und reibungslos flogen wir nach München. Ich war selig. Quasi gleich doppelt im Himmel. Ich sprach den Steward an, da ich hoffte, er hätte einen guten Tipp für uns. Er hörte mir zu und wir taten im offensichtlich sehr Leid. Als er mir ganz freundlich antwortete, brach ich fast in Tränen aus. Der erste Mensch seit acht Stunden, der mich nicht anschrie! Dann bekamen wir etwas zu essen – keiner von uns hatte bisher etwas richtiges gegessen. Und dann bekam ich ein Bier. War das schön... ich liebe die Lufthansa!

In München trennte sich unsere Gruppe, da mehrere Reisegäste beschlossen, sofort mit Flugzeug oder Bahn weiterzufahren. Einige hatten wichtige Termine. So wie der Arzt, der am Montag mehrere Patienten zur Darmspiegelung bestellt hatte. Diese Vorstellung – ein Wochenende lang abführen und nichts essen, dann kommt man in die Praxis, und der Arzt ist nicht da... Wie dem auch sei.

Wir anderen gingen sofort zur Information und fragten nach dem UIA-Schalter. Einen solchen gibt es aber in München nicht, wir wurden an Aerogate verwiesen, welche die Flüge von UIA in München abwickeln. Am Schalter dort erklärten wir unsere Situation. Die dort arbeitende Dame fing an zu lachen. „Tut mir Leid, dass ich jetzt lache; ich kann das gar nicht glauben!“ Auch sie war vollkommen perplex. Allerdings erklärte sie, dass sie uns keine Tickets im Namen von UIA ausstellen könne. Es gebe noch einen Lufthansaflug gegen 22 Uhr. Dann begann sie, herumzutelefonieren. Sie rief letztendlich den Verantwortlichen von UIA in Deutschland, der von dem ganzen Chaos in Kiew noch gar nichts wusste, sogar zuhause an. Der wiederum müsse erst in Kiew anrufen und sich informieren, dann wieder sie anrufen, und dann könne man sehen, ob wir noch Plätze in diesem Flugzeug bekommen könnten.

Meine Reisegruppe hatte inzwischen telefoniert und herausgefunden, dass es um 22.13 Uhr einen Nachtzug von München nach Berlin gab, der für uns alle passend war. Drei von uns wollten nach Berlin, die anderen hätten bei einem Flug nach Berlin noch weiter gemusst, was spät abends ohnehin schwer war. Ihr Ziel lag jedoch auf der Strecke des Zugs. Außerdem wollten wir vermeiden, dass irgendwann die Antwort von UIA kommt, dann aber das Flugzeug voll ist. Bis dahin wäre es auch zu spät für den Zug gewesen, denn es war schon 20.00 Uhr (MESZ) und vom Flughafen zum Bahnhof braucht man eine Stunde. Wir beschlossen also, Tickets für den Zug zu kaufen, damit wir nicht am Ende in München festsitzen. Als wir am Bahnschalter standen und klar war, dass es noch freie Plätze gab, konnte ich nicht mehr. Plötzlich kullerten die Tränen. Wie schon den ganzen Tag reagierte meine Gruppe ganz wunderbar. Sofort nahm mich jemand in den Arm, und dann bekam ich ein Stückchen Schokolade für die Nerven.

Um je 150€ ärmer fuhren wir dann zum Bahnhof, nahmen den Zug, setzten uns in unsere Komfort-Sessel (wirklich ganz bequem) und fuhren los. Um 08:04 Uhr am nächsten Morgen kamen wir in Berlin Hauptbahnhof an. Laut unserer Tickets hätten wir am Vortag um 11.40 Uhr in Berlin Tegel landen sollen. Das macht eine Verspätung von ca 20,5 Stunden. Ganz zu schweigen von dem Stress.

Aber ich muss sagen, am meisten schockiert haben mich die Menschen in diesem Getümmel. So selbstbezogen, so egoistisch, so aggressiv. Wir standen dicht an dicht, und ich konnte spüren, wie die Menschen um mich herum vor Zorn und Aufregung zitterten, wie schnell ihre Herzen schlugen, wie sie schwitzten. Zu viele dachten einzig und allein an sich und wollten sich durchsetzen, komme, was da wolle. Keine Spur von Rücksichtnahme. Und ich bin mir sicher, an (beinahe) jedem anderen Tag hätte man 90% dieser Menschen als nett und freundlich wahrgenommen. Aber in solchen Situationen kann man mal zeigen, was in einem steckt.

Schade.

Sonntag, 6. Januar 2013

Von Macken und Fotos

Istanbul.
Was soll man sagen - gerade erst angekommen, und doch ist meine Zeit hier jetzt auch fast schon wieder vorbei. Wie im Fluge. 

Istanbul tatsächlich im Fluge

Was ist denn eigentlich so passiert? "Nichts besonderes", wollte ich fast sagen. Das stimmt natürlich nicht. Nichts, das man jetzt in eine spannende Geschichte verpacken könnte. Aber für mich war es trotzdem ganz besonders. In dieser Stadt hier habe ich gelernt, zu beobachten. Das, was um mich herum geschieht, und das, was in mir geschieht. Ich gehe viel bewusster durch die Straßen als früher und sauge alles in mich auf. Ich freue mich, hier zu sein, mein Leben hier zu leben, die Sprache zu lernen, Menschen zu treffen, Freunde zu finden. Die kleinen kulturellen Unterschiede zu entdecken, die doch so viel ausmachen. Oder auch die ganz offensichtlichen Macken, die die Leute hier so haben.
Kurz vor Weihnachten hat es in Istanbul geschneit. (Nach Weihnachten war es dann aber wieder wunderschön warm und sonnig.) Es ist ja nicht so, dass da Tonnen von Schnee heruntergekommen sind. Nicht ganz wenig, das stimmt. Aber es war halt ein bisschen Schnee. 


Und es ist ja auch nicht so, dass das in Istanbul nie passiert. Als ich Ende Januar 2012 ankam, hat es auch geschneit. Und zwar wirklich viel und für eine recht lange Zeit. Aber trotzdem scheint Schnee in dieser Stadt sowas wie die Apokalypse zu symbolisieren. (Es war übrigens der 20.12., als es angefangen hat zu schneien! oh oh?) Man weiß gar nicht, was man machen soll, wenn es schneit. Istanbul hat jede Menge Berge (Hügel wäre untertrieben...) und so gut wie keine funktionstüchtige Kanalisation. Schon wenn es nur regnet, verwandeln sich die Straßen in wahre Flüsse. Wenn es aber schneit, liegt der Verkehr quasi lahm. Es hat ja auch noch nie jemand etwas von Winterreifen gehört. An besagtem 20.12. gab es auch prompt einen Unfall auf einer der zwei Bosporus-Brücken, mehrere Autos fuhren ineinander. Daraufhin wurde die Brücke komplett gesperrt. Das hatte immense Auswirkungen auf den (ohnehin katastrophalen) Verkehr in der ganzen Stadt. Den ganzen Tag kamen mir Menschen mit leidenden Gesichtsausdrücken entgegen. Verzerrte Gesichter, dicke Mützen, Leute, die sich warmen Atem in die Handflächen pusten und die Schultern hochziehen. "Das ist der kälteste Winter seit 30 Jahren!", habe ich Leute sagen hören. Lustig, im Februar war es auch schon der kälteste Winter seit 30 Jahren! Vielleicht wird es entgegen der allgemeinen globalen Erwärmung in Istanbul jedes Jahr wärmer... Sehr lustig jedenfalls, das Ganze. Ich dachte ja immer, ICH sei ein Schnellfrierer und Jammerer, aber ich wurde eines besseren belehrt.

Dies sei nur eine von vielen schönen Geschichten der letzten zwei Monate. Ansonsten vergehen hier die Tage mit Arbeiten - und ich mag meine Arbeit, ich treffe lauter total spannende und motivierte junge Leute! Da kommt man zu dem Schluss, dass es hier in Zukunft doch eigentlich nur besser werden kann. Und die Abende und Wochenenden? Mit Freunden, mit Türkischlernen, mit tollen Bars und schlechtem Bier, mit Spaziergängen, mit Hamambesuchen und Bazaren, mit viel viel Cay und viel gutem Essen, mit Musik, mit Entdeckungen, mit Spannung und Entspannung, mit einer verrückten kleinen Katze, die mich bestimmt noch auffrisst, bevor ich fahre... (Aber vorher frisst sie all meine Besitztümer!)



 
Komisch, wie diese Stadt einen fesselt. Wie man sich im wahrsten Sinne des Wortes in sie verliebt. Wenn ich auf der Fähre sitze, den Bosporus überquere und dabei auf Istanbuls Skyline, auf Sultanahmet mit dem Topkapi Palast, der Blauen Moschee und der Ayasofia schaue, dann klopft mein Herz.


Wenn ich morgens zur Arbeit laufe, komme ich immer an einer Ecke vorbei, von der man ein wunderbaren Blick den Hang hinunter hat - mitten in eine Ansammlung dieser bunten und irgendwie zusammengewürfelten Häuser, die so typisch sind für Istanbul. Auch dann muss ich jedes Mal in mich hineinlächeln. 


Da fällt der Gedanke an einen Abschied mehr als schwer. Istanbul hat mir viel gegeben, und das Jahr (na ja, die 9 Monate), das ich hier verbracht habe, war ein ganz bedeutendes und wunderschönes Jahr für mich. Was nicht heißt, dass immer alles super war. Was auch bei Weitem nicht heißt, dass an Istanbul alles super ist. Mitnichten. Aber Istanbul ist eine Stadt, die einen Willkommen heißt und die einem so viel zu bieten hat. Jeden Tag entdeckt man neue Dinge, jeden Tag trifft man neue Menschen. Eine Stadt mit irgendwas so um die 17 Millionen Einwohner, und mit Unmengen Reisender und Menschen aus aller Welt - dass man da auf interessante Menschen trifft, ist quasi vorprogrammiert.

Honig gefällig?

Und Istanbul lässt einen nicht mehr los. Hat man sich einmal in diese Stadt verliebt, kann man ihr schwer den Rücken kehren. Wenn ich mich mal so umgucke, ist es beeindruckend, wie viele Menschen hier hängen bleiben oder wiederkommen. In den letzten zwei Monaten habe ich viele Freunde aus dem ersten halben Jahr wieder getroffen. Manche waren nur zu Besuch da, andere für ein bisschen länger, wieder andere haben eine sich bietende Gelegenheit genutzt, den Besuch mit dem Nützlichen zu verbinden. Und auch die, die nicht wiederkommen, erzählen davon, wie gerne sie es tun würden. 
Ich würde sagen, Istanbul, wir sehen uns wieder. 





Und für noch ein paar Fotos guckt doch mal hier:


Istanbul die Zweite

Mittwoch, 1. August 2012

So weit die Füße tragen

Istanbul!

Seit einer Woche bin ich wieder hier, und noch eine Woche mehr. So ungefähr... Am Montag werde ich mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge ins Flugzeug nach Berlin setzen.
Aber eigentlich vor allem lachend. Das Abschiednehmen fällt nicht so schwer - in drei Monaten bin ich ja schon wieder hier! (Und zwar mit Leonardo Stipendium, jeeeha!)
Ich will euch gerne ausführlich von meiner Reise berichten, aber das wird wohl noch ein bisschen auf sich warten lassen - ein Monat ist lang, und besonders ein Monat auf Reisen ist nicht in 5 Minuten erzählt. Und das ganze dann aufzuschreiben... ei ei ei!
Aber hier will ich euch einen ersten Eindruck geben!

Ich bin von Istanbul aus am Schwarzen Meer entlang gefahren, bin bei Freunden von Freunden untergekommen, bin couch gesurft, bin mit zwei verrückten Spaniern gehitchhiked, habe die Grenze nach Georgien überquert und habe die ungemütlichste Nacht meines Lebens in einer Marshrutka, einem georgischen Minibus verbracht. Ich habe alte Bekannte in Tbilisi getroffen, bin in die Berge nördlich von Kutaisi gefahren und habe mit einer Menge Hippies den Vollmond bestaunt und Musik gemacht und mit Juan ein fantastisches Picknick am Strand von Kobuleti veranstaltet - mit dem Essen, dass uns ein von unserer Begeisterung für sein Land begeisterter Georgier geschenkt hat. Wir haben  die Cay-Felder (Tee-Felder) und -Fabriken in der nordöstlichsten Ecke der Türkei bestaunt, sind in Erzurum von einem Mann zu Cay und Keksen in sein sehr alters und sehr schönes Haus eingeladen worden, in eine Polizei-Kontrolle (auf der Suche nach PKK-Terroristen) geraten und haben letztendlich mit zwei netten LKW-Fahrern in ihrem LKW übernachtet. Ich bin nach Malatya gefahren, habe Mount Nemrut bestaunt, in Dogansehir die süßeste Großmutter der Welt kennen gelernt, habe in Iskenderun geschwitzt und eine Hochzeit gefeiert, Künefe gegessen und mir in Antakya die älteste Kirche der Welt angeguckt. Ich habe Mersin gesehen und bin mit dem Boot von Tasucu nach Zypern gefahren. (Die fahren da auf der linken Seite Auto!) Ich habe das gefühl, auf einer geteilten Insel und in einer geteilten Stadt zu sein, als sehr seltsam empfunden und Schweinefleisch gegessen - während in der Türkei der Ramazan (Ramadan) losging. (Ha ha!) Letztendlich bin ich mit einem Bus zurück nach Istanbul gefahren, was nur 15 Stunden gedauert hat. Und dann habe ich in Istanbul einfach jeden wieder getroffen... Ein paar übrig gebliebene Erasmus Studenten, einen Haufen Leute, die ich in den georgischen Bergen getroffen habe, alte Freunde, neue Freunde, und jetzt: faste ich. Einen Tag Ramazan für Dinah! (Das mit dem Essen ist nicht so das Problem, aber.. wieso darf ich bei über 30°C nichts trinken??? noch 3 Stunden...)


Also.
Bis ich euch ausfühlrich berichte und eine Menge Fotos zeige:
Hier seht ihr, wohin meine Füße mich im letzten Monat so getragen haben. Fragt nicht nach den Blasen, die ich im Laufe der Wochen so erdulden musste. Aber meine Füße (und ich) sind sehr glücklich und voller Energie! Jippiiee!

Bis bald!



So weit die Füße tragen - As far as my feet will carry me

Montag, 27. Februar 2012

Hollywood im Schnelldurchlauf

Es ist Sonntag. Nacht. In Istanbul. Zwei einsame Gestalten laufen an durch den Nieselregen. Sie unterhalten sich. Scheinbar sind sie auf dem Nachhauseweg. Woher und wohin kann man nur ahnen. Ein taxi steht am Straßenrand. Die beiden Gestalten steuern darauf zu. Schon versucht die größere der Beiden, die Tür zu öffnen. Doch dann bemerken sie, dass der Fahrer schläft. Also gehen sie weiter, scheinbar auf der Suche nach einem anderen Taxi. Kurz vor einer großen Kreuzung gelingt es ihnen dann, ein solches anzuhalten. Sie steigen ein und sagen dem Fahrer, wohin sie wollen. Dieser dreht sich wieder um, setzt den Blinker und fährt los, an einigen anderen, am Straßenrand wartenden Taxis vorbei. Und damit nahm das Geschehen seinen Lauf. Die beiden Gestalten ahnten nicht, welche Ereignisse sie in Gang gesetzt hatten und welche Abenteuer sie in den nächsten Minuten erwarten würden...


Klingt wie der Anfang eines schlechten Hollywood-Actionfilmes? Hat sich auch so angefühlt... Michael und ich waren also auf dem Nachhauseweg. Wir hatten Abends bei Teresa gekocht und Tatort geguckt. (Mein erster Tatort seit einem Monat!! Der war aber echt tragisch...) Da nachts die meisten Busse nicht mehr so fahren, dass man superbequem nach Hause kommt, wollten wir ein Stück laufen und dann mit dem Taxi nach Hause fahren. Taxis gibt es hier nämlich überall. Und überall heißt wirklich überall. Wenn nachts 5 Autos an einem vorbeifahren, sind 4 davon Taxis. Außerdem sind sie wirklich ziemlich billig, vor allem, wenn man zu mehreren fährt. Ich fühle mich damit zwar immer noch reichlich dekadent, aber ich bin glaube ich in dieser Stadt schon genau so viel Taxi gefahren wie in den letzten 22 1/2 Jahren. Wie dem auch sei, wir wollten also Taxi fahren. Und sind in dieses Taxi eingestiegen. Was wir nicht wussten: etwa 20 Meter weiter war ein Taxistand, an dem mehrere Taxis standen und auf Fahrgäste warteten. Wir hatten die einfach nicht gesehen. Die Taxifahrer hatten uns aber sehr wohl gesehen. Und waren jetzt stinksauer auf diesen erhlosen Taxifahrer, der ihnen die Fahrgäste vor der Nase wegschnappt. Als wir an ihnen vorbeifuhren, fingen sie an, wild zu gestikulieren und rumzubrüllen. Ich hab ihn zwar nicht verstanden, aber es klang ganz eindeutig nicht nett. Als wir vorbeigefahren waren, hat es plötzlich einen lauten Schlag getan. Irgendjemand hatte etwas (dem Klang nach sehr Hartes) nach unserem Taxi geworfen. Und unser Taxifahrer sah wirklich sehr nervös aus und hat immer wieder nach hinten geguckt. Was mich dazu verleitet hat, das auch zu tun. Unglaublich! Dieser rasende Taxifahrer stieg also in sein Taxi und fing an, uns zu verfolgen. Und zwar unter manischem Gebrauch der Licht- und der normalen Hupe. Und plötzlich fuhr er neben uns auf der Fahrerseite her, kurbelte das Fenster runter und brüllte weiter. Und dann fing er an, uns seitlich abzudrängen. Schluck. Unser Taxifahrer unterdessen tippte auf seinem Handy rum. Ganz offensichtlich rief er die Polizei an, denn etwa 20 Sekunden später (der andere Taxifahrer war inzwischen zurückgefallen) hielten wir neben 2 Polizeiwagen an. (Wo die immer herkommen... Wenn es etwas in dieser Stadt gibt, dass mit ähnlicher Häufigkeit anzutreffen ist, wie Taxis, dann sind es Polizeiautos.) Wir stiegen aus, er fing an, mit den Polizisten zu reden und wir standen etwas von den Socken im Regen. Unser Taxifahrer fuchtelte aufgebracht mit den Armen und erzählte in Richtung des Taxistandes gestikulierend, was passiert war. Und dann kam noch ein Polizeiauto. Und noch eins. Der Taxifahrer bat uns, wieder einzusteigen. Dann kam noch ein Polizeitauto. Und wir saßen da, währen der Fahrer und die Polizisten immer wieder um das Taxi herumliefen, um zu sehen, ob es irgendeinen Sachschaden gab. Und so weiter. Und so weiter. Irgendwann beschlossen wir dann, uns einen anderen Weg  nach Hause zu suchen. Der arme Taxifahrer, offenbar lag ihm sehr viel daran, uns durch die Stadt zu fahren. (Aber nicht verwunderlich, bei der Konkurrenz... Und wenn Fahrgäste in dieser Stadt so begehrt sind, dass man einen solchen Kleinkrieg wegen ihnen anfängt...) Naja, jedenfalls sind wir dann erst mal wieder zurückgelaufen, allerdings durch kleinere Seitenstraßen. Wir wollten nicht wieder den Typen an dem Taxistand begegnen. Und dann sind wir also einfach noch ein bisschen weiter gelaufen. Was dabei sehr auffällig war: Überall war plötzlich Polizei. Und die haben ungelogen jedes Taxi, das ihnen begegnet ist, angehalten und kontrolliert. Und in was für einem Ausmaß! Polizeiautos, Motorräder, Polizisten, wohin man auch blickte! Und das alles, weil wir einen Taxistand übersehen hatten... Das war schon schräg! Von uns wollten die Polizisten übrigens nur wissen, wo wir herkommen. Dann waren wir ihnen schnuppe. Wir haben jedenfalls schlussendlich einen sehr netten und besonnenen Taxifahrer getroffen, der uns sicher und ohne wilde Verfolgungsjagden à la Hollywood nach Hause gebracht hat.
"Ein Abenteuer", würde meine Mama sagen!

Freitag, 3. Februar 2012

Dienstag, 31. Januar 2012

Links und rechts vom Bosporus.

Aaaah! Da habe ich eben studenlang geschrieben und jetzt? Alles weg.... Nein.... Jetzt bekommt ihr meine erste Woche in Kurzform! Grrr....

Also. Die erste Woche ist vorbei. Und war schön. Tschüss!

Blick von der Fähre. Und von Asien nach Europa.

...

Na, ich werde mich mal durchringen.
Die erste Woche war wirklich schön. Und aufregend. Und ging so unglaublich schnell vorbei...
Nachdem ich am ersten Abend gleich in die erste Erasmus-Party reingestolpert bin (mitsamt meinem Gepäck, die war nämlich bei Alex zuhause. Und bei Alex habe ich ja auch die erste Woche gewohnt [Danke nochmal!!] ), habe ich die nächsten Tage fleißig mit Wohnungssuche verbracht. Was ganz schön langwierig war. Zumindest die "Anreise". Alex wohnt nämlich in Kadıköy. Das ist auf der asiatischen Seite. Meine Uni ist aber auf der europäischen Seite und mit Fähre, Laufen und Metro (und für Dinah typischem Verlaufen... Aber so sieht man immerhin viele interessante Orte!) braucht man da gut und gerne 1 1/2 Stunden, bin man sein Ziel erreicht. Ich habe also nach Wohnungen rund um Taksim, das Zentrum des europäischen Istanbuls, gesucht. 

Vielleicht erst mal ein paar Eindrücke aus genau dieser Gegend:




Taksim


... Menschen... überall...


Jamm jamm jamm...


Mehr Jamm jamm jamm...


Blick auf meine Uni!


Meine Uni hatte mir eine Mail mit Tipps zum Wohnungssuchen geschickt. Darin gab es eine Auflistung mit Stadtteilen, in denen man so wohnen könnte. Und zwar in nach Empfehlung absteigender Reihenfolge. Und dann gab es noch folgende Bemerkung: 

"Notice that Tarlabasi, Dolapdere, Omer Hayyam and Kurtulus are places where we strongly don't recommend to live!"  
(lustigerweise ist mein Campus in Dolapdere!)

Ich habe mir also fleißig Wohnungen in den empfohlenen Gebieten angeguckt. Und fand sie... nett. Also, in 20 Jahren würde ich da sicher gerne wohnen. Schöne Wohnungen, nette Leute, saubere und ruhige Gegenden. Aber... so... na, ich hoffe, ihr wisst, was ich meine. Langweilig passt nicht, still auch nicht, hm... "gesetzt" vielleicht... Am Ende hatte ich zwei Wohnungen in der engsten Auswahl (und hab dann auch nicht mehr weiter gesucht, dieses Rumgefahre und Angegucke und Angegucktgewerde hat mir ganz schön zugesetzt...). Und zwar... in Tarlabaşı und am Rand von (oder auch in, das ist glaube ich Definitionssache....) Dolapdere (Selbst wenn es nicht IN Dolapdere ist, dann ist es Kurtuluş).
Wenn man über diese beiden Stadtteile redet, hört man immer "Nein! Geh da nicht hin! Da ist es so gefährlich! Du wirst ausgeraubt!" Tatsächlich handelt es sich um ärmere Stadtteile. Hier wohnen vergleichsweise viele arme Roma und Kurden und vielleicht sollte man als Frau nicht mutterseelenalleine in tiefster Nacht in der dunkelsten und verwinkeltsten Gasse rumlaufen. Oder seinen Computer auf einem Silbertablett mit roten Neonpfeilen vor sich her tragen. Oder gar beides zusammen. Aber wo sollte man das schon? Würde ich in Berlin auch nicht machen. Und dafür sieht man hier mehr! Nicht nur Touristen und nicht nur Starbucks Coffee und Burger King und Diesel. Keine Wägelchen, die Touris irgendwelchen Kram andrehen. Hier spielen Kinder auf der Straße, Leute sitzen vor ihren Läden und man kann viel besser seine paar Brocken Türkisch in die Welt schleudern.
Jedenfalls wohne ich jetzt in Dolapdere / Kurtuluş. Und zwar mit zwei türkischen Jungs, Sinan und Teoman. Und trinke jede Menge Çay, türkischen Schwarztee. Mit jeder Menge Zucker. (Ich werde mit Zuckerschock und Karies nach Deutschland zurückkehren...) Und spiele Tavla (Backgammon). Und lerne etwas über türkische Alltagsküche (Nudeln mit Joghurt und in Olivenöl erhitzem Paprika-Pulver und Nane [Minze] ). Wow, und das alles seit... gestern Abend! Juhu!

Sinan, Dinah, Teoman

Heute habe ich mich dann auf Erkundungstour in der Gegend gemacht. Beziehungsweise: Ich wollte zu einer Sprachschule, um mich für meinen Türkischkurs anzumelden (3 mal die Woche, je 3 Stunden.... Oj!) und habe beschlossen, da einfach hin zu laufen. Damit ich gleich was von der Gegend sehe. (Und da ich mich - was auch sonst - verlaufen habe, hab ich gleich noch mehr gesehen.)






Gefährlich kam es mir nicht vor... Aber es war ja auch tagsüber. Oh, ich lüge! Es war total gefährlich! Und zwar wegen des Schnees... Als ich Dienstag das erste mal die Stadt erforscht habe, war wunderbares Wetter. Sonnenschein, klarer Himmel, und ganz warm. Aber am Abend hat es dann erst krass gestürmt (wir sind fast weggeweht worden...) und dann angefangen zu schneien. Und seitdem hat das mit dem Schnee nicht mehr aufgehört. Jetzt muss man dazu sagen, dass Istanbul sehr (!) bergig ist. Allerdings sind die Straßen nicht für schlechtes Wetter gemacht. Es gibt kaum ordentliche Abflüsse. Und sobald ein bisschen Schneematsch liegt, kann man die Straßen eher runterschlittern als runtergehen. Oder man kann auf die Schnauze fliegen. Auch schön. So bin ich also heute im Schneckentempo die Berge runtergetapert... Aber man kann nicht leugnen, dass Istanbul im Schnee sehr schön ist! Seht selbst:











Dienstag --> Montag

Soweit erst mal von mir... Es gibt jede Menge mehr zu erzählen, aber ihr müsst es ja auch lesen... Und ich bin müde... und brauche ja noch Material für die nächsten Einträge!
Also, iyi geceler!

Mehr Fotos gibts hier:
Links und rechts vom Bosporus

Sonntag, 22. Januar 2012

Goodbye, Deutschland

Es ist soweit. Morgen früh treffe ich RTL und dann geht die Reise los, auf Schritt und Tritt begleitet mich die Kamera und zeichnet mein Abenteuer im wilden Orient auf. Wie ich verzweifelt aber unerschrocken und tapfer mit wilden Tieren ringe. Wie ich auf der Suche nach etwas zu Essen durch die Straßen irre. Wie ich dann elendig in einer Ecke sitze, mit extra rotem und angeschwollenem Gesicht (dem Team von der Maske sei Dank) und erzähle, dass es alles so schwer ist und ich es mir ganz anders vorgestellt habe (an der Stelle schwenkt der Mann hinter der Kamera ein Schild auf dem steht "jetzt laut schluchzen und mit Taschentuch das Gesicht wischen). Ich schluchze laut und wische mir mit einem Stofftaschentuch (rosa, mit Bären drauf. Habe ich von zuhause mitgebracht. Sehr sentimental, dieses Auswandern...) das Gesicht.


...


Ok, nein, kein RTL. Ich werde nicht berühmt. Trotzdem gehts morgen los!
Morgen mittag besteige ich in Tegel (!!) das Flugzeug (Turkish Airlines) und fliege los in Richtung Istanbul. Zurück zum Bosporus! Dieser Fluss hat mich im Sommer schon verzaubert.... Das ist schon ein anderer Charme als die Spree... der Bosporus! (Wie schrieb Antonia so schön in mein Fotoalbum? "Inbegriff der Ferne") Bei dem Namen fangen meine Gedanken gleich an zu fliegen... Und schon packt mich das Reisefieber!
Obwohl ich ansonsten erstaunlich (wenn nicht gar erschreckend) entspannt bin. Irgendwie ist die Tatsache, dass ich morgen schon nicht mehr hier bin, noch nicht von meinem Kopf in meinen Bauch gewandert. Wahrscheinlich, weil ich mir noch so gar kein Bild von dem machen kann, was da auf mich zukommt. Meine Zeitrechnung endet quasi morgen um 14.40 (Ah, gut, dass ich dran denk... ich muss mal mein Ticket ausdrucken!!) und danach ist einfach... nichts. Einige von euch haben diese Beschreibung ja schon von mir gehört, aber ich finde sie einfach am treffendsten, um zu erklären, was gerade in mir vorgeht: Ihr erinnert euch an die Unendliche Geschichte? An das Nichts? An die Erklärung, man könne das Nichts nicht angucken, weil da eben... nichts ist? Kein Loch und auch nicht einfach schwarz oder verschwommen oder so, sondern einfach nichts. Genau so geht es mir mit allem, was ab morgen Abend (18.25 Uhr, um genau zu sein), passiert. Und weil ich so gar keine Idee hab, hab ich wohl auch keine Angst. Ein bisschen ungewöhnlich für mich. Aber auch schön. Das Ganze führt nämlich dazu, dass ich die letzten paar Tage einfach nur im Jetzt gelebt habe. Netter Nebeneffekt, wenn man gar nicht an die Zukunft denken kann. Und das tue ich ja sonst sehr intensiv, um nicht zu sagen ständig. Eine ganz spannende Erfahrung also, mal so richtig im Augenblick zu sein. Man ist tatsächlich deutlich entspannter, wie ich festgestellt habe.
Mein Rucksack jedenfalls ist gepackt. Über zu viel Gewicht muss ich mir keine Gedanken machen. Turkish Airlines erlaubt mir 30kg, mein Rucksack ist  p r o p p e n v o l l   (da geht nicht mal mehr ein Zahnstocher rein) und ich bin jetzt bei 16,3kg. An warme Pullis und Schuhe hab ich gedacht (diese Woche gabs in Istanbul Schnee!), die Sommersachen sind vorsorglich meinen Eltern mitgegeben worden (und kommen somit Anfang April zu mir, sehr gut), genug Schlüpfer hab ich auch, Passfotos hab ich gemacht (ok, ich hab nur 7... Meine Uni meinte, ich soll 12 mitbringen... halte ich für übertrieben...), die Reiseapotheke samt Imodium ist gut verstaut und der Kauderwelsch Türkisch sicher in meinem Rucksack untergebracht. Akkus sind geladen, Ladegeräte (und die Geräte selbst) eingepackt... Kann noch was schief gehen? Wie sagte mein Papa mal so schön: "Perso und Geld, alles andere kann man kaufen" ... Ich guck lieber noch mal nach meinem Reisepass! Japp, ist da. Puh. 


Kann losgehen!




Und dann hab ich erst mal zwei Wochen Zeit zum Ankommen! Zum Wohnug suchen und Stadt erkunden. Herrlich. Am 06. Februar geht dann die Uni los, mit Erasmus Orientation Day und so. Meine Uni ist sowas von gut organisiert, seit Wochen schon hab ich das Programm für den Tag und Listen mit Kursen und Fristen und ne Übersicht über meine Semestertermine... (hab schon mal so flüchtig reingeguckt...) und ich bekomm meinen eigenen Erasmus buddy der mir die Uni zeigt und mir alles erklärt und so... Jeah! Dann kann ja eigentlich nix mehr schief gehen. 


Also, ich verabschiede mich. Ich lass von mir hören, auf alle Fälle hier und auch so :) Lasst ihr auch von euch hören, schreibt mir ganz viel, Emails, Briefe, Geschenkpakete (ganz besonders Geschenkpakete), und ich werde mit Sicherheit auch meinen Skype-Account reaktivieren! Falls ich zwischen den 20 Millionen (ja, 20 000 000) Istanbulern nicht verloren gehe! Bei mir isses dann übrigens tatsächlich ne ganze Stunde später als bei euch, also klingelt mich bitte nicht mitten in der Nacht aus dem Bett.... Man weiß ja nie...


So, dann werde ich jetzt mal den letzten Abend in Berlin einläuten... Mit was?




Tatort! (auf Türkisch: olay yeri)


http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=9271966

Donnerstag, 17. November 2011

"Faszyzm nie przejdzie!" - Nazi-Blockade Polish Style

Etwas verspätet... egal!

Sonntag, 13. November, 10.15 Uhr. Ich sitze in einem  knallroten Bus, in den ebenfalls knallroten Sitz aus Plastikleder gekuschelt (wirklich sehr bequem) und fahre von Warschau Richtung Berlin. Der Bus ist zwar rappelvoll, aber das wird sich hinter Poznań sicher ändern – auf der Hinfahrt hatte ich zwischen Berlin und Poznań quasi den Bus fast für mich alleine. Sogar das WiFi funktioniert. (Anders als auf der Hinfahrt.) Was für ein Luxus!
Wieder mal nach Warschau. Aber das erste Mal mit dem Bus. Dauert zwar ein bisschen länger als mit dem Berlin-Warschau-Express (10 ½ Stunden...), ist dafür aber auch ungleich viel billiger. Und man kann die schöne polnische Landschaft und die Bauarbeiten an der Autobahn beobachten. Letzteres zumindest auf den ersten Kilometern hinter der Grenze, dann ist es damit auch wieder vorbei. Ob das was wird mit Polen und der Autobahn bis zur EM? Ich glaube es ja nicht... Und die neue U-Bahn-Linie in Warschau? Und überhaupt, die Stadien?  (Das in Warschau ist jetzt glaube ich sowas wie fertig...)
Aber in den Stadien ist die EM ja ohnehin nicht besonders willkommen. Sowohl in Polen als auch in der Ukraine wüten die Hooligans jetzt schon über die Fußballfans, die von überall her in ihre Stadien strömen werden. Wie soll man denn da in Ruhe seine Prügeleien während und nach dem Spiel führen? Und überhaupt... Auf einmal interessiert sich die polnische Politik für die Hooligans. Die würden bei der EM natürlich einen sehr schlechten Eindruck beim internationalen Publikum hinterlassen. Also versucht man, ihrer schon jetzt Herr zu werden. Wohl das nächste aussichtslose Vorhaben...
Die polnischen Hooligans... Ein Thema für sich. Eine in höchstem Maße politische Szene. Eine in höchstem Maße rechtsextreme Szene. Bis auf zwei sind alle Fanclubs der ersten und zweiten Liga politisch, und zwar rechts. Sagt Jacek Purski von der antirassistischen Initiative “Nigdy Więcej“ (“Never Again“). In den Stadien schwingen sie Flaggen mit rechtsextremen Symbolen, von der Schwarzen Sonne bis hin zum Hakenkreuz. Sie brüllen rassistische und antisemitische Parolen. Um andere Fußballclubs herabzusetzen, wird ihr Logo in einem Davidsstern an Wände gesprüht. Die Hooligans tragen ihre Hass gegen Ausländer, Homosexuelle, Juden und eigentlich jede andere Subkultur offen zur Schau. Und leider sind auch brutale Übergriffe keine Seltenheit.
Auch wenn diese in Polen kaum in offiziellen Statistiken erfasst werden. Warum? Die Politik interessiert sich nicht besonders für rassistisch motivierte Gewaltverbrechen. Doch Gott sei Dank wachsen in Polen die NGOs wie zum Beispiel die Gruppe “Nigdy Więcej“, die sich unter anderem dieser Aufgabe angenommen haben.
Und noch eine Aufgabe haben diese und andere Gruppen übernommen. Und damit kommen wir nun zu einem der Gründe, warum ich gerade im (knallroten) Bus sitze.
Freitag war der 11. November. Das heißt, in Polen war ein gesetzlicher Feiertag. Um genau zu sein: Der polnische Nationalfeiertag. Gefeiert wird die Zweite Polnische Republik, ausgerufen 1918. Und an diesem Tag findet in Warschau seit den Neunziger Jahren ein „Marsch der Unabhängigkeit“ statt. Klingt schön, nicht wahr? Was sich dahinter verbirgt, ist die größte Nazi-Demo Polens. Letztes Jahr marschierten zwei- bis dreitausend Flaggen schwingende und Parolen skandierende Menschen durch die Stadt. Und dieses Jahr? Zehntausend... Ihr Ziel ist für gewöhnlich das Denkmal Roman Dmowskis. Dmowski war an der Gründung der Zweiten Republik beteiligt. Seine Ideen von einem unabhängigen Polen eckten jedoch mit denen Piłsudskis an – noch konservativer, noch nationalistischer. Ein ethnisch und religiös homogenes Polen; polnisch und katholisch.
Zurück zum Polen der Gegenwart. Es wäre nun verkehrt, zu sagen, dass da zehntausend Nazis marschiert sind. Dass die Marschierenden aber allesamt zum nationalistischen Lager gehören, kann man wohl sagen. Dass sie fremdenfeindlich sind auch. Gegen die Gleichberechtigung von Homosexuellen und die Emanzipation der polnischen Frauen. Wenn das nicht schon Genug Grund zum Protest ist.„Polska jest tylko biała („Polen ist nur weiß“) – das ist einer der oft gehörten Slogans an diesem Tag.
Warum unternimmt seit Jahren niemand etwas gegen diese Demonstrationen? Nun, dass niemand etwas unternimmt, stimmt so nicht. Die Politik unternimmt nichts. Und das verwundert nicht, wenn man sich die polnische politische Landschaft mal etwas genauer anguckt.
Die politische Rechte ist in Polen erschreckend akzeptiert. Neben der im Untergrund agierenden faschistischen Szene gibt es viele öffentlich-politische Akteure, die dem nationalistischen Lager zuzuordnen sind. Und dabei geht es nicht nur um kleine Randgruppen. Die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, PiS), die mit Lech Kaczyński bis Oktober 2007 die Regierung stellte, fällt selbst mit populistischen und nationalistischen Äußerungen auf. Und nicht nur das. Die Partei schloss auch Koalitionsverträge mit der Liga Polnischer Familien (Liga Polskich Rodziń, LPR), einer katholisch-nationalistischen Partei, die offen gegen Juden und Schwule hetzt. Auch ist die LPR einer der Mitorganisatoren des Marsches am 11. November. Ebenfalls beteiligt sind Gruppierungen wie die Partei Nationale Wiedergeburt Polens (Narodowe Odrodzenie Polski, NOP), das Nationalradikale Lager (Obóz Narodowo-Radykalny, ONR) oder die rechtsextreme, militante Jugendorganisation Allpolnische Jugend (Młodzież Wszechpolska). Namen, die einen aufhorchen lassen.
 Und die Partei, die vergleichbar ist mit den deutschen Grünen? Die bekommt in Polen unter einem Prozent der Stimmen.
Doch trotzdem stellen sich Menschen diesem Aufmarsch in den Weg.
In den letzten Jahren hat sich ein netzwerkübergreifendes Bündnis gebildet, mit dabei die Gruppe ”Never Again”. Ihr Ziel ist es, den Aufmarsch den Nazis keinen Raum zum Marschieren zu bieten. Zu blockieren. Ähnlich, wie dies seit mehreren Jahren am 14. Februar in Dresden geschieht. Und się haben Erfolg. Vor zwei Jahren nur ein kleiner Haufen Demonstranten, gingen letztes Jahr bereit 4000  Menschen auf die Straße. Die Nazis konnten ihre geplante Route nicht beibehalten. Die Menschen jubelten.
Dieses Jahr war ich nun also mit dabei. Beinahe so was wie ein Zufall. Ich wollte eh nach Warschau fahren, um Ania zu besuchen. Und nach intensivem Studium unserer beider Terminkalender hat sich herausgestellt, dass dieses Wochenende eigentlich das einzige ist, das uns beiden passt. Und ein bisschen später ist mir aufgefallen, dass ich dann ja am 11. November in Warschau bin. Passend.
Und noch passender, dass meine Freundin Agnieszka und ihre Freunde auch zu der Blockade wollten. So war ich nicht alleine.
Also, wie sah das aus?
Wir waren leider recht wenige – vielleicht 2000 Gegendemonstranten. Ein bunter Wagen mit Rednern, viele pinke Tücher, eine sehr nette Sambagruppe, ein Strandball, Musik. Reden werden gehalten. Polens Unabhängigkeit ist bunt, die Faschisten kommen nicht durch. „Ich bin hier, weil ich glaube, dass ein freies Land in der Lage sein muss, freundlich gegenüber allen Menschen zu sein“, sagt Agnieszkas Freundin Sonja. „Und weil ich an einem friedlichen Protest teilnehmen wollte.“
Auch Politiker sind vertreten. So etwa der erste schwule Abgeordnete Polens, Roman Bierdron, oder die weltweit erste transsexuelle Abgeordnete Anna Grodzka (und das in Polen!). Auch sonst ist die Menge erfreulich bunt gemischt – wenn man ihr auch eine Zugehörigkeit zur gebildeten, eher links ausgerichteten Bevölkerung nicht absprechen kann. Aber hier stehen Politiker neben Antifaschisten, Hetero- neben Homosexuellen, Studenten beobachten, wie zwei ältere Damen fröhlich mit ihren Transparenten im Kreis tanzen. Sogar „Bella Ciao“ gibt es auch auf polnischen Demos, wie ich zu meiner Begeisterung festgestellt habe. Alles wie bei uns.
Auch die Polizisten sehen aus wie bei uns: Sie sind ganz viele, dick gepanzert, haben, haben Schutzschilde und Pfefferspray-Pistolen dabei und irgendwo im Hintergrund stehen die Wasserwerfer. Aber Moment mal: Da gibt es doch einen Unterschied!
In diesem Fall zeigen die Wasserwerfer nicht auf die Gegendemonstranten, sondern auf den eigentlichen “Marsch der Unabhänigkeit“. Weil dieser wie gesagt nicht nur aus „harmosen“ Nationalisten besteht. Man hat sich Verstärkung geholt: Aus dem Ausland und vor allem aus den polnischen Fußballstadien.  Und die Hooligans, die hier mit marschieren, haben es eigentlich nur darauf angelegt, sich endlich prügeln zu dürfen. An die Gegendemonstranten kommen sie aber nicht heran, die Polizei steht im Weg. Macht nichts, mit denen kann man sich ja auch prügeln. Und so eskaliert an diesem tag die Gewalt, ohne dass wir bei der Gegendemo davon in besonderer Weise betroffen sind. Der Marsch muss umgelenkt werden, später die Nachricht: Der Marsch bleibt zwar legal, doch die Versammlung der Nationalisten ist inzwischen für illegal erklärt worden. Doch am Denkmal Dmowskis brodelt es, Steine fliegen, Streifenwagen brennen.
Das alles habe ich nicht live miterlebt (Gott sei Dank...) Aber als ich nach Hause kam, saß Ania vor dem Fernseher und hat die Nachrichten verfolgt. Und bis tief in die Nacht (um halb 1 hab ich dann den Fernseher irgendwann ausgemacht....) waren die polnischen Nachrichten voll von den Ereignissen des Tages. Scheinbar hat niemand mit einem solchen Ausgang gerechnet. 210 Menschen wurden verhaftet, davon 92 Deutsche (es ist nicht ganz klar, zu welcher Seite die gehörten... Mal hört man, die deutsche Antifa sei für große Teile der gewaltsamen Ausschreitungen verantwortlich, dann wieder heißt es, sie seien gleich bei der ersten Gelegenheit verhaftet worden, um ihnen keine Möglichkeit zu geben, gewalttätig zu werden. Und auch die Anwesenheit deutscher Nazis bei dieser Demo würde ich jetzt per se mal nicht ausschließen....), 40 verletzte Polizisten, jede Menge zerbrochener Scheiben, zwei ausgebrannte Übertragungswagen des polnischen Fernsehsenders tvn, und und und....
Doch vielleicht... ja, vielleicht bewegt das jetzt etwas im Bewusstsein der polnischen Öffentlichkeit. Und der Politik. Vielleicht ist die stundenlange Berichterstattung ein erstes Zeichen. Vielleicht hat man jetzt endlich erkannt, dass es in Polen durchaus ein Problem mit Rechtsextremismus gibt, und das dagegen etwas getan werden muss.
Zumindest soll jetzt schon mal etwas am Demonstrationsrecht geändert werden. Bisher war es in Polen – anders als in Deutschland – nicht verboten, bei Demonstrationen sein Gesicht zu Vermummen. Und auch Feuerwerkskörper waren legal. Nun denkt Ministerpräsident Donald Tusk darüber nach, dies zu ändern.
Ich kann mich noch nicht ganz entscheiden, was ich von der ganzen Sache halte.
Zum einen ist es traurig, dass die Gegendemo dieses Jahr nur etwa halb so groß war, wie 2010. Agnieszka und ihre Freunde meinen, das liegt wohl daran, dass letztes Jahr einige Leute doch ordentlich was abbekommen haben. Deswegen sind Viele dieses Jahr vorsichtiger, haben Angst. Zum anderen finde ich es erschreckend, wie dieser “Marsch der Unabhängigkeit“ innerhalb eines Jahres von 3000 auf 10000 Menschen anwachsen konnte (in dem Zusammenhang ist die schrumpfende Gegendemo noch beängstigender).
Ein sehr deutlicher Unterschied zwischen der polnischem Gegendemo und dem, was wir so aus Deutschland kennen, war wohl auch das Ziel. Die Blockade wollte erreichen, dass die Nationalisten von ihrer geplanten Route abweichen müssen. Das haben sie geschafft. Es ging aber nicht darum, den Marsch gar nicht vorankommen zu lassen. Natürlich, das geht auch nicht ohne Zusammenstöße. Und die würde ich glaube ich bei den Relationen auch tunlichst vermeiden wollen... Und es ist gut, dass es diesen Protest gibt. Ich drücke die Daumen, dass er auf fruchtbaren Boden fällt. Wir werden sehen. Zumindest waren die Nachrichten bis spät in die Nacht voll mit Bildern der Ausschreitungen und Kommentaren von vielen verschiedenen Seiten - Organisatoren, Gegner, Politiker, Journalisten, und so weiter. Das ist neu. Vielleicht bewirken die Ereignisse dieses Tages ja tatsächlich etwas, im Bewusstsein der Politiker und vor allem im Bewusstsein der Gesellschaft. Bisher war man ja davon ausgegangen, Polen habe kein Problem mit Fremdenhass, mit Rassismus und Antisemitismus. Und nun stellt man auf einmal fest, dass es keinesfalls die deutsche Antifa war, die sich hier aus lauter Polenfeindlichkeit mit der polnischen Polizei geprügelt hat (Wie das Herr Jarosław Kaczyński ja sofort hat verlauten lassen), sondern eben polnische Rechte. Hoffen wir, dass das auf Dauer etwas bewegt.

So, das war mein großes Abenteuer dieses Wochenende. Und drumherum noch ein bisschen Spazieren in der Warschauer Novembersonne (ja, ich bin auch überrascht, aber es gibt sie), Grzane Wino (Glühwein) im W Oparach Absurdu (meiner allerliebsten Warschauer Lieblingskneipe :)  ), Piwo (Bier) im Plan B (die gehört auch mit auf die Liste der liebsten Kneipen!) und ein sehr sehr leckeres Frühstück in einem neuen Laden, dem „Chleb i Wino“ (Brot und Wein). Und spätestens als wir da drin waren, war die Erkenntnis nicht mehr zu leugnen: Auch Warschau ist voller Hipster.